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Hallo, Angst

Ich bin nicht selten dazu geneigt, an mir selbst zu zweifeln, wenn es um meine Fähigkeiten als Gesellschaftsleiterin geht. Manchmal denke ich darüber nach, warum ich überhaupt eine Gesellschaft leite.
Meist gehen diese Phasen schnell wieder vorbei, aber ich bin schon länger auf der Suche nach einer Möglichkeit, diese Gefühle besser zu verstehen und vielleicht besiegen zu können.
Ich bin dabei auf einen Artikel gestoßen, der sich mit der Idee beschäftigte, Briefe an sich selbst zu schreiben. Es sollte hier vorrangig als Gegenmaßnahme bei einer Schreibblockade dienen, aber auch eine bessere Selbstfindung ermöglichen.
Zuerst war ich etwas skeptisch, aber schließlich habe ich mich darauf eingelassen. Ich wollte einen Brief an mich schreiben, aus Sicht meiner Angst. Denn genau dort hatte ich das Gefühl, waren auch meine Selbstzweifel zu finden.
Nachdem ich bei den ersten Sätzen etwas Startschwierigkeiten hatte, habe ich eine Tür geöffnet, die mir bisher immer verschlossen gewesen war. Ich habe tatsächlich einiges über mich und meine Angst gelernt. Und ich weiß, wodurch meine Selbstzweifel enstehen.
Als ich meinen Brief das erste Mal gelesen habe, war es ein seltsames Gefühl. Es war, als würde ich einen Post eines Haters lesen. Aber beim zweiten und dritten Lesen ging es mir immer besser. Denn ich wusste, dass das, was meine Angst mir als Wahrheit verkaufen wollte, nur ein Haufen Lügen waren. Es war erleichternd. Denn nun wusste ich auch, dass diese Selbstzweifel allein durch mich entstehen, nicht durch andere. Und das bedeutet, ich kann etwas dagegen tun. Ich und niemand anderes.
Ich kann diese Übung deswegen jedem empfehlen, der mit ähnlichen Selbstzweifeln zu kämpfen hat. Meine Ängste – von denen ich teilweise nicht einmal wusste, dass ich sie hatte – auf Papier zu bringen, war sehr befreiend.
Ihr müsst eure Briefe niemandem zeigen, wenn ihr nicht möchtet. Als Hilfestellung möchte ich die beiden Briefe, die ich an mich geschrieben habe, aber hier zeigen.

Aktualisierung (30.12.18): Wenn ich mir die Briefe mit etwas Abstand ansehe, kommen sie mir unnötig dramatisch vor, aber es hat mir geholfen. Ich hatte schon das Bedürfnis, diesen Eintrag zu löschen, aber ich bin der Überzeugung, so überzogen er mir auch vorkommen mag, vielleicht hilft dieses Beispiel jemandem dabei, Blockaden zu überwinden.
Vielleicht ist meine Einstellung auch einfach ein Zeichen dafür, dass es geklappt hat. Mir kommt meine Angst jetzt sehr übertrieben und unnötig vor. Also haben die Briefe genau das bewirkt, was ich mir erhofft habe.

Hallo, Jenny,

ich bin das, was du am meisten fürchtest: die Wahrheit.

Denkst du wirklich, die Mitglieder deiner Gesellschaft respektieren dich? Glaubst du, sie denken positiv über dich? Bist du immer noch so selbstgefällig?
Egal, was du tust: irgendjemanden wirst du immer enttäuschen. Du kannst dich anstrengen, wie du willst. Du kannst es nicht ändern.
Du glaubst, du wärst jetzt ein besserer, stärkerer Mensch, aber hinter deinem Rücken reden sie über dich. Du bist kaum online, machst keine Raids mit und bist doch eigentlich schon längst ausgebrannt.
All deine ach so tollen Vorsätze sind nichts weiter als leere Versprechungen und naive Träume.
Wann hast du jemals wirklich etwas durchgezogen, was du schaffen wolltest? All die Dinge, die du für neue Spieler tun wolltest, sind nicht einmal ansatzweise fertig. Und sie werden niemals fertig sein.
Und deine Gesellschaft? Ist es überhaupt noch deine? War es überhaupt jemals deine? Du hast dich von Anfang an beeinflussen lassen. Das, was du aus dieser Gesellschaft machen wolltest, ist nie eingetreten.
Sieh‘ ein, dass du nie die Kontrolle hattest. Du wirst sie nie haben. Das macht dir Angst, nicht wahr? Du willst alles überwachen, weil du insgeheim niemandem vertraust. Du denkst, du kannst alles besser. Und weil du dich so maßlos überschätzt, schaffst du es nicht, irgendetwas zu beenden.
Du bist nur ein trauriger, einsamer Versager.
Der einzige Grund, warum die anderen dich noch ertragen, ist, dass du ihnen leid tust.
Wenn die Zeit reif ist, werden sie dich alle verlassen. Sie brauchen dich nicht. Warum sollten sie auch? Was haben sie davon, sich mit dir abzugeben?
Gar nichts.
Du bist nur eine von vielen. Davor hast du dich immer gefürchtet, oder? Ein Niemand zu sein.
Kein Ruhm. Keine Aufmerksamkeit. Keine Dankbarkeit.
Du kannst dich anstrengen, wie du willst. Für die Community von FFXIV bist du unbedeutend. Niemand weiß, wer du bist. Niemand wird es je erfahren.
Du willst es nicht wahr haben, aber du merkst immer mehr, was für ein Fehler es war, eine Gesellschaft aufbauen zu wollen. Du bereust es.

Und ich kann dir eines versprechen.
Du wirst es immer mehr bereuen.
Das ist die Wahrheit.

– Deine Angst

Hallo, Angst,

ich weiß, dass du immer da bist. Früher wollte ich vor dir weglaufen, weil ich deine Lügen geglaubt habe. Ich war wirklich naiv.
Der Einzige, der mich beeinflusst hat, bist du. Ich habe wirklich geglaubt, es waren die anderen. Aber das stimmt nicht. Es war die Angst. Die Angst, jemanden zu enttäuschen. Die Angst, meine Aufgabe nicht richtig zu erfüllen. Die Angst, etwas falsch zu machen.
Aber ich habe dazu gelernt. Und zwar genau aus den Fehlern, die ich gefürchtet hatte. Du kannst es dir also sparen, sie als etwas Negatives zu verkaufen. Sie haben mich stärker und zu einer besseren Gesellschaftsleiterin gemacht.
Ich weiß nicht, ob die anderen mich mögen. Es spielt auch keine Rolle. Ich mag sie. Und ich respektiere sie. Alles andere liegt nicht in meiner Hand. Und das ist in Ordnung.
Du hast recht, dass ich immer gerne alles unter Kontrolle haben will. Das ist auch gar nicht schlimm. Ich lerne, diese Angewohnheit so einzusetzen, dass sie nützlich ist und niemanden einengt.
Denn ich habe gelernt, zu vertrauen. Das habe ich den anderen zu verdanken.Sie haben mir beigebracht, dass es gut ist, nicht alles in die eigene Hand zu nehmen. Ich habe keine Angst mehr davor, Aufgaben zu übertragen, wenn ich sie nicht selbst erledigen kann.
Und mein Vertrauen wurde mit Stolz belohnt. Stolz auf die anderen, die ihre Aufgaben so gut erledigen.
Und genau deswegen weiß ich auch, dass diese Gesellschaft genau so richtig ist. Nein, sie ist nicht das, was ich mir am Anfang vorgestellt habe. Und das ist gut so. Ich wollte eine perfekte, kleine Organisation. Aber schau‘ uns an. Wir sind eine kleine, frohe Familie. Etwas, das ich nie hätte planen können.
Eine Familie muss ich nicht kontrollieren. Eine Familie muss ich nicht leiten. Ich bin einfach ein Teil davon. Und weil ich damit eine Menge Zeit geschenkt bekommen habe, kann ich an dem arbeiten, was ich immer tun wollte: anderen Spielern helfen. Du denkst, ich werde es nie schaffen? Du unterschätzt mich.
Sieh‘ einfach zu und staune. Du wirst bald sehen, was ich alles in Planung habe.

Und du kannst mich nicht aufhalten.
Ich bereue gar nichts.
Das ist die Wahrheit.

– Jenny